Kraniche im Nationalpark

Der Zug

Raues Klima, lange und harte Winter sowie der damit verbundene Nahrungsmangel in den Brutgebieten des hohen Nordens zwingen viele Vögel, unter ihnen auch die Kraniche, ihre Heimat zu verlassen. Kraniche ziehen auf zwei Routen in den Süden.

Kraniche im Anflug auf ihre Rastplätze

Entweder fliegen sie über Westeuropa bis nach Marokko oder über das Baltikum und Ungarn bis nach Tunesien. Mecklenburg-Vorpommern liegt auf der westlichen Route.

Weil der weite, manchmal auch sehr beschwerliche Flug der Kraniche kräftezehrend ist, müssen Rastzeiten eingelegt werden. Der Nationalpark Vorpommersche Boddenlandschaft hat zusammen mit seinem Umfeld die Naturausstattung, die Kraniche brauchen. Feuchtgebiete, Flachwasserbereiche und Nahrungsplätze laden die Großvögel zum Verweilen ein. Bis zu dreiviertel der gesamten nord- und osteuropäischen Population des Grauen Kranichs tangiert seit Jahrhunderten zweimal im Jahr die Rügen-Bock-Kirr-Region. Damit ist das Gebiet von größter Bedeutung für die Kranichrast in ganz Mittel- und Nordeuropa.

Jeden Herbst halten sich in diesem Bereich der deutschen Ostseeküste große Konzentrationen von Kranichen über lange Zeiträume auf. Bereits Ende August stellen sich die ersten ein. Energie wird »getankt« für den vor ihnen liegenden, mehrere Tausend Kilometer betragenden Weg bis ins Winterquartier. Das ist für die meisten Südeuropa mit Frankreich, Portugal und Spanien. Einige Trupps überqueren sogar die Straße von Gibraltar und fliegen bis nach Nordwestafrika.

Früh, wenn die Sonne aufgeht, verlassen die Vögel ihre Schlafplätze um zu Wiesen und Feldern der Umgebung aufzubrechen. Der Tag dient der Nahrungsaufnahme. Neuankömmlinge werden mit weithin hörbaren Rufen begrüßt. Abend für Abend, bei Dunkelwerden, kommen die einzelnen Trupps dann wieder zu ihren Schlafplätzen zurück. Die Rügen- Bock- Kirr- Region gilt als größter Zugrastplatz Mecklenburg- Vorpommerns. Zu Spitzenzeiten fliegen im Schnitt um die 40.000 Kraniche gleichzeitig ein.

Ihre Nächte verbringen die Vögel stehend im seichten Wasser oder auf Inseln. Hier fühlen sie sich sicher, denn von Land kommende Feinde »verraten« sich durch Geräusche beim Durchqueren des Wassers.

Nach oft mehrwöchigem Aufenthalt und bei günstigem Wetter mit guter Thermik kommt die Stunde des Abschieds. Dann setzen oft wahre Massenstarts ein. Kleine Trupps von wenigen Tiere starten genauso wie Verbände von bis zu 700 Kranichen. Gruppe für Gruppe erhebt sich, fliegt auf, schraubt sich höher und höher, formiert sich zu einem Keil und verschwindet schließlich am Horizont.

Bei ruhigem Spätherbst- und mildem Winterwetter kann man noch bis in den Dezember hinein mehrere Tausend Kraniche beobachten. Setzt jedoch plötzlich Frost ein und lässt die Schlafgewässer vereisen oder deckt eine geschlossene Schneedecke die Nahrungsflächen zu, sind die Kraniche gezwungen, die Region kurzfristig zu verlassen. Einzelne Kraniche lassen sich aber nicht abschrecken, sie überwintern bei uns.

Der Vogelzug im Frühjahr, auch Heimzug genannt, verläuft rascher und zügiger. Ab Mitte Februar, manchmal auch erst März, je nach Witterungsbedingungen, können wir die ersten Kraniche als Frühlingsboten begrüßen. Mit 20 bis 50 Vögeln sind die eintreffenden Rasttrupps wesentlich kleiner als die im Herbst. Sie legen in der Rügen-Bock-Kirr-Region nur eine kleine Pause ein, bevor sie die Ostsee überqueren. Doch auch dieser Zug hat seine eigenen Reize. Gelegentlich setzt schon die Balz ein. Ein Tanz findet statt, der mit charakteristischen, laut hörbaren, trompetenartigen Rufreihen verbunden ist.

Der Bruttrieb ist es, der die Vögel zügig in ihre Heimat weiterziehen lässt. Heimat, das ist für 80 % der bei uns durchziehenden Kraniche Skandinavien, für die anderen ist es Osteuropa, speziell das Baltikum und Polen. In der Regel kehren Kraniche jedes Jahr an denselben Brutplatz zurück. Etwa gleichzeitig treffen sie in der jeweiligen Brutregion ein und ergreifen umgehend Besitz von ihren Revieren. Die Masse der Nichtbrüter zieht meist etwas später.

Während des Heimzuges lösen sich die alten Familienverbände auf. Die im Winterquartier selbstständig gewordenen Jungvögel trennen sich von ihren Eltern. Jungvögel, die sich bis zur Rückkehr noch nicht gelöst haben, werden spätestens beim Eintreffen am Brutplatz durch die Eltern abgedrängt.

Bis in den April hinein bleibt Zeit, Kraniche in der Boddenlandschaft zu beobachten. Kehrt noch einmal der Winter zurück, kommt es nicht selten zu einem regelrechten Zugstau. Die Kraniche scheinen zu spüren, dass es in ihrem Brutgebiet noch unwirtlicher ist als bei uns.