Nationalpark Vorpommersche Boddenlandschaft

Fragmente zur Geschichte

Ende des 19.Jahrhunderts greift Freiherr Ferdinand von Raesfald (Bild rechts) die Idee auf, Darß und Zingst in ein großes Schutzgebiet zu verwandeln. Es sollte fast 100 Jahre dauern, als das Gebiet am 1. Oktober 1990 per Verordnung zum »Nationalpark Vorpommersche Boddenlandschaft« erklärt wird.

Das Gebiet Sundische Wiese ist ein abgeschiedener Landstrich, der in früheren Zeiten landwirtschaftlich nie eine Rolle spielte.

Die Sundische Wiese - ein karges Gebiet

Die Beschreibung dieses Gebietes läuft in den unterschiedlichsten Veröffentlichungen immer auf das Gleiche hinaus, auf die Darstellung der kargen Böden. So ist in einem Barther Wochenblatt von 1895 zu lesen: »... der Boden minderwertig, ... magere, sandige und einschnittige Wiesen, ... .«
Und doch wird das Land besiedelt. Die Menschen versuchen dem Boden ihren Lebensunterhalt abzuringen.

»In Sundewiese auf der vorpommerschen Insel Zingst bedeckt nur eine ganz dünne Humusschicht den unfruchtbaren Sand. Es scheint hoffnungslos, auf diesem Boden etwas anzubauen.«
aus: Münchener Illustrierte Presse, 1932

Da die Sundische Wiese in ihrer natürlichen Umgebung abseits liegt und wegen der geschilderten Gründe nur wenig besiedelt ist, gibt es auch früh schon andere Interessenten für dieses Gebiet: »Sundische Wiese, 9.Juli. Ein noch nie erlebtes militärisches Schauspiel entwickelte sich in den letzten Tagen der vergangenen Woche auf unserem stillen Eilande. Es wurden die diesjährigen Schießübungen des Infanterie-Regiments Nr. 42, Prinz Moritz von Anhalt-Dessau, Stralsund, ... abgehalten, ... es steht zu erwarten, daß sich gleiche Übungen in den nächsten Jahren hier wiederholen werden, ... .«
aus: Barther Wochenblatt, 12. Juli 1895

Die hoch aufgewehten Dünen eignen sich wunderbar als Kugelfang. Die abgeschiedene Lage ist ideal. Das Militär hatte die Sundische Wiese entdeckt.
Alleiniger Interessent war das Militär dann aber nicht. Auch andere begannen mit der Sundischen Wiese zu spekulieren.

Aus der bewegten Geschichte

Baron von Klot-Trautvetter kauft die Sundische Wiese von der Stadt Stralsund für 310.000 Mark. Einige Jahre später verkauft er diese an Graf von Eulenburg für 1.100.000 Mark. Wegen des hohen Kaufpreises wird der Pachtzins für die Pächter auf das Dreifache erhöht. 1913 verlassen deshalb 16 Bauern ihre Höfe. Graf von Eulenburg spekuliert auf die Verlegung des Eisenbahnverkehrs Trelleborg - Barth - Berlin und kauft aus diesem Grunde Müggenburg dazu, um an die Straminke heranzukommen, wo der Durchstich erfolgen soll. Durch den Ausbruch des 1. Weltkrieges geht diese Rechnung jedoch nicht auf.
Ein Zeitungskonzern kauft das Land und will Nesselpflanzen für die Papierproduktion anbauen. Aber auch dieses Projekt führt nicht zum gewünschten Erfolg. Die Nesselpflanzen wachsen hier nicht. Die Sundische Wiese wird an die Nordische Handelsgesellschaft weiter verhökert. Es werden große Flächen Waldes abgeholzt und hohe Einnahmen aus dem Verkauf des Holzes erzielt.

Das Schlusslicht in der Kette der Spekulanten bildet die Siedlungsgesellschaft »Neuland A. G.«. Neue Siedlungsgehöfte, wie zu vermuten wäre, entstehen nicht. Die alten, leer stehenden Bauerngehöfte werden wieder besiedelt. Die Gelder für die Siedlungsgesellschaft verschwinden in dunklen Kanälen.

Der Nationalparkgedanke taucht auf

Ende der zwanziger Jahre knüpft der Leiter des Darßer Forstamtes, Franz Mueller, an den Gedanken seines Vorgängers, des Freiherrn Ferdinand von Raesfeld, an und propagiert, mit Unterstützung des schwedischen Ornithologen und Schriftstellers Bengt Berg, den Naturschutz im Darßwald zu entwickeln.

Mit der Idee der Schaffung eines großen Nationalparks Darß- Zingst- Sundische Wiese gelingt es ihm, Hermann Göring, der seit 1933 preußischer Ministerpräsident und seit 1934 zugleich Reichsforst- und Reichsjägermeister ist, für den Gedanken zu gewinnen. Göring schien Feuer gefangen zu haben: »Das ist gut. Das mache ich.«
aus: Marlower Tageblatt, 26.7.1934
Doch schon bald sollte es anders kommen. Für die Umsetzung der Pläne der Wehrmacht wird ein Schieß- und Bombenabwurfgelände für die Luftwaffe benötigt. Noch ansässige Siedler werden kurzerhand zwangsumgesiedelt. Bis zum 30. Juni 1937 müssen 36 Siedler ihre Bauerngehöfte räumen.
Oberbefehlshaber der Luftwaffe ist ab 1935 Hermann Göring.

Zingst wird Militärstandort

Im Ort Zingst entstehen Kasernen und Lehreinrichtungen, in der Sundischen Wiese werden ein Flak-Schießplatz, ein Behelfsflugplatz und ein zwei mal zwei Kilometer großes Bombenabwurfgelände errichtet.

Zeitzeugen berichten:
»Im Vierzehntagewechsel veranstalteten Flak-Einheiten aus ganz Deutschland nördlich der Chaussee nach Pramort von morgens bis abends scharfes Schießen, während die Sturzkampfbomber, die von Festlandsplätzen aufstiegen, täglich mit aufheulenden Motoren im Sturzflug ihre Bomben auf die Übungsziele südlich der Chaussee abwarfen.«
Es wird sowohl Bombenabwurf geübt, als auch neue Technik erprobt. Die Bombenabwurfziele sind Modelle britischer Kriegsschiffe.

Das Kriegsende

Nach dem Ende des 2. Weltkrieges werden die Sundische Wiese und Pramort wieder besiedelt. Neusiedler und wiederkehrende ehemalige Bewohner finden noch Bruchstücke der Schießplatzeinrichtung vor und sie treffen auf 14.000 Bombentrichter. Eine reizvolle Landschaft ist die Sundische Wiese nach wie vor.

Die DDR - Militär und Landwirtschaft

1956/57 wird die Sundische Wiese erneut vom Militär »entdeckt«. Die Nationale Volksarmee der DDR baut das Gebiet erneut zu einem Flak-Schießplatz aus, wenn auch die Ausmaße der genutzten Fläche geringer sind. Die Nationale Volksarmee beschränkt sich auf das Gebiet nördlich der Straße nach Pramort.
Das gesamte Gebiet östlich des Wachgebäudes ist militärisches Sperrgebiet. Das Gebiet südlich der Chaussee bleibt der landwirtschaftlichen Nutzung vorbehalten. Bombentrichter werden verfüllt, wobei viele noch vorhandene Bomben erst entschärft werden müssen.
Es wird eine industriemäßig produzierende Landwirtschaft aufgebaut, beginnend im Bereich Zingst/Sundische Wiese. Später erstreckt sich der Betrieb über die gesamte Halbinsel Zingst-Darß-Fischland. Ein Bestand von ca. 16.000 Tieren, die Aufzucht vom Kalb bis zur hochtragenden Färse, erfordert riesige Mengen Futter. Die Flächen werden in erster Linie für Grasproduktion und Weidebetrieb genutzt. In der Sundischen Wiese entsteht das größte Trockenwerk Mitteleuropas.

Seit Jahrhunderten hat das Gebiet größte Bedeutung für die Kranichrast. Bis zu drei Viertel der gesamten nord- und osteuropäischen Population des Grauen Kranichs tangieren die Rügen-Bock-Zingst-Region. An dieser Bedeutsamkeit büßt der Zingst auch in dieser Zeit nichts ein. Im Gegenteil, der ansonsten scheue Kranich wird sogar Nutznießer der schlecht abgeernteten Maisflächen.
Die Besiedlung der Sundischen Wiese und des Pramort nahm mit Einrichtung des militärischen Sperrgebietes immer mehr ab. Es gab keine Zwangsaussiedlung wie zu Wehrmachtszeiten. Die Lebensbedingungen waren aber dermaßen eingeschränkt, dass die Jugend und auch ältere Bewohner es vorzogen nach Müggenburg oder Zingst zu ziehen. Die vorhandenen Gehöfte wurden zum Teil noch vom Volkseigenen Gut genutzt, ansonsten verfielen sie langsam.

Die letzte Bewohnerin Pramorts, Frau Traudel Horn, wurde 1988 nach Müggenburg umgesetzt.

Das Gründungsdatum

Als am 12. September 1990 der Ministerrat der DDR die Unterschutzstellung von 14 großflächigen Landschaften zwischen Ostsee und Thüringer Wald beschließt, sind große Bereiche der vorpommerschen Boddenlandschaft dabei.

Mit Wirkung vom 1. Oktober wird der Nationalpark Vorpommersche Boddenlandschaft per Verordnung festgesetzt. Der wenige Tage später beschlossene Einigungsvertrag sichert die Gültigkeit der Festsetzung des Nationalparks auch im vereinigten Deutschland. Ein Amt wird gegründet, Mitarbeiter werden eingestellt, Maßnahmen zum Schutz der Natur und zum Erleben der Natur durch die Menschen werden in Angriff genommen.